Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung


Auswahl, Ausbildung und Einsatz des Pferdes in der Hippotherapie

In unserer Zeit, in der man dem Sport zunehmend gesundheitsfördernden und gesundheitserhaltenden Wert beimisst, hat man die Notwendigkeit und die Möglichkeiten der sportlichen Betätigung auch für Menschen mit Behinderung erkannt. Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung eröffnet nicht nur den Weg zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung, sondern es ist auch eine Hilfe zur Integration in Gruppen von Reitern ohne Behinderung. Während sonst Sportgruppen für Menschen mit Behinderung meist unter sich bleiben, hilft beim Reiten das Pferd, körperliche Mängel zu kompensieren und seinen Reiter als leistungsfähiges Glied in eine Gruppe einzubeziehen. Das Einfühlungsvermögen des Pferdes, Kindern, die mit wenig Kraftaufwand reiten, besonders entgegenzukommen, zeigt sich auch im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Die begrenzten Einwirkungsmöglichkeiten des Reiters auf das Pferd ergeben sich unter Umständen durch Funktions- einschränkungen bzw. Funktionsausfälle seiner Gliedmaßen. Die Kompensa- tion durch Hilfsmittel, wie zum Beispiel Spezialsättel und Spezialzügel, ist stets ungenügend und das Entgegenkommen des "mitdenkenden" Pferdes so von besonderer Bedeutung. Jede sportliche Betätigung benötigt eine spezielle Motivation. Beim Reiten ist sie durch das Pferd gegeben. Der besondere Reiz besteht darin, sich mit einem anders gearteten Lebewesen auseinanderzusetzen, um mit ihm zu einer harmonischen Einheit in der Bewegung zu gelangen. Einerseits wirkt das Pferd Achtung gebietend durch seine Kraft und Größe, andererseits kommt es dem Menschen freundlich entgegen, ist unvoreingenommen und gehorsam. Dies heißt jedoch auch, dass es über einen mehr oder weniger stark ausgeprägten Willen verfügt! Ein Text von: Dorothee Wanzek-Blaul, Leiterin des Reiterhofs der KINDERHILFE e.V. in Ludwigshafen-Oggersheim, Pädagogin und Amateur- reitlehrerin FN mit Zusatzausbildung Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung.

Voraussetzungen für das sportliche Reiten
Wirkung und Gesundheitswert des Reitens
Voraussetzungen für den Reitunterricht mit Menschen mit Behinderung





Voraussetzungen für das sportliche Reiten

Der Weg zum Reiten von Menschen mit Behinderung führt meist über die Hippotherapie. Unter Aufsicht der Krankengymnastin wird ein ausreichendes Gleichgewicht sowie eine genügende Kopfkontrolle erarbeitet. Die Beckenbeweglichkeit sollte das Einschwingen in die Bewegungen des Pferderückens auch in höheren Gangarten erlauben. Ist das Aussitzen im Trab nur schwer möglich, sollte man von Anfang an das Leichttraben üben, um Pferde mit weniger weichen Bewegungen oder empfindlichem Rücken zu entlasten. Bei Spastizität der unteren Extremitäten, wie z. B. einer Diplegie, sollte die Spreizfähigkeit der Beine den Sitz ohne hochgezogene Knie ermöglichen. Die Zügelhaltung, unabhängig von der Körperbewegung, sowie die Greiffunktionen wenigstens einer Hand müssen gewährleistet sein. Die Psyche des Reiters mit Behinderung sollte so belastbar sein, dass er auch eine eventuelle Auseinandersetzung mit dem Lebewesen Pferd verkraftet. Gerade in schwierigen Situationen muss der Reiter in der Lage sein, angemessen zu reagieren, d. h. das Pferd mit adäquaten Hilfen zu dominieren. Überschiessende Reaktionen auf ein vermeintliches Fehlverhalten des Pferdes sind ebenso wenig erwünscht wie mangelndes Durchsetzungsvermögen und sofortiges Aufgeben infolge von Mutlosigkeit. Der Reiter sollte in der Lage sein, die Verantwortung für sich und sein Pferd übernehmen zu können. Der Wunsch zum Wechsel von der Hippotherapie zum aktiven Reiten kommt bei uns auf dem Reiterhof häufig vom Patienten selbst. Manchmal wird der Übergang zum Sport auch von der Physiotherapeutin angeregt, wenn die Hippotherapie beendet ist und die Therapeutin im Sport eine sinnvolle Fortführung ihrer Arbeit sieht. In jedem Fall wird der Übergang zum Sport im Behandlungsteam Arzt, Krankengymnastin und Reitlehrer besprochen und unter den oben angeführten Voraussetzungen befürwortet. Kommt ein Mensch mit Behinderung ohne vorherige Hippotherapiebehandlung zum Reiten, so ist auch bei ihm die ärztliche Unbedenklichkeitserklärung Voraussetzung.

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Wirkung und Gesundheitswert des Reitens

Der Reitsport hat sportmedizinisch nachweisbare Auswirkungen auf alle Organsysteme, auf den Stütz- und Bewegungsapparat ebenso wie auf das Herz- und Kreislaufsystem. Dem Menschen mit Behinderung, der aufgrund dessen noch mehr körperlicher Bewegung entbehrt, drohen durch Bewegungsmangel (z.B. im Wirbelsäulenbereich) zusätzliche Sekundärschäden. Da die psychische Entwicklung des Menschen parallel läuft zur körperlich-motorischen, resultiert aus der ungenügenden Bewegungserfahrung von Menschen mit Behinderung zusätzlich eine Retardierung im psychischen Bereich. Beidem vermag das Reiten entgegenzuwirken.

Was geschieht nun beim Reiten und was wird vom Reiter verlangt?

Reiter mit Behinderung müssen lernen, auf das Pferd einzuwirken, um es zur Fortbewegung, zum Anhalten, zum Gangart- oder Richtungswechsel veranlassen zu können. Diese Einwirkung durch Gewicht, Schenkeldruck und Zügel nennt man Hilfen. Während der Patient in der Hippotherapie lernen muss auf die Bewegungsimpulse des Pferderückens passiv zu reagieren, wird beim Reiten die aktive Einwirkung des Reiters auf das Pferd geübt. Diese Hilfengebung, ihre richtige Dosierung und Koordination verlangt den ständigen Einsatz unterschiedlicher Muskelgruppen, der gelernt und trainiert wird. Das Ergebnis lässt sich an den Reaktionen des Pferdes ablesen. So erreichen wir beim Reiter mit Behinderung die Verbesserung seines Gleichgewichtes und die Kräftigung seiner Rückenmuskulatur. Reaktion, Koordination und Konzentration werden gleichzeitig geschult. Durch die Anpassung an die rhythmischen Schwingungen des Pferderückens lösen sich muskuläre Verspannungen einerseits, während bei schlaffem Muskeltonus Körperspannung aufgebaut und verbessert werden kann. Das Pferd vermag seinem Reiter neue räumliche Dimensionen zu erschließen und vermittelt z. B. gerade im Gelände ein intensives Naturerlebnis, zu dem ein Mensch mit Behinderung durch seine eingeschränkte Eigenbewegung häufig keinen Zugang findet. Dies bewirkt eine Steigerung des Selbstwertgefühls, was wiederum positiv in andere Lebensbereiche ausstrahlt. Der Erlebniswert und die Bewegungserfahrungen beeinflussen die geschädigte Psyche und bieten eine spezielle Kompensationsmöglichkeit.

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