Das patientengerechte Pferd

Aus langjähriger praktischer Arbeit in der Hippotherapie resultiert die Erfahrung, daß ein Angebot unterschiedlichster Pferderassen und Größen für das jeweilige Behandlungsziel von großem Wert ist. Diese Unterschied-
lichkeit sollte sich nicht nur auf das Stock- bzw. Bandmaß beziehen, son-
dern vor allem auf die vom jeweiligen Pferderücken übertragenen Schwing-
ungsimpulse.

Nele Quelle: K.Boldt

Grundsätzlich kann man sagen, dass sich Kinder auf Kleinpferden wohler fühlen. Schon der optische Eindruck ergibt eine passende Re-
lation zwischen Pferd und Reiter. Aber auch die erste Kontakt-
aufnahme vor der Therapie beim Füttern und Streicheln fällt leichter, wenn das Kind dem Pferd hierbei ins Auge schauen kann. Beim Großpferd fällt der Blick des Kindes vor allem auf Bauch und Beine. Dieser ungünstige Blickwinkel flößt in unmittelbarer Nähe Angst ein und vergrößert die Unsicherheit. Man setze sich nur einmal neben ein Pferd von ca. 1.70 m Stockmaß, um dies nachempfinden zu können.

Auf dem Kleinpferd sitzt das Kind weniger hoch und die Nähe der beglei-
tenden Krankengymnastin vermittelt gerade anfangs zusätzliche Sicherheit. Diese psychische Hemmschwelle kann auch bei ängstlichen Erwachsenen zu Beginn der Therapie über ein kleineres Pferd besser abgebaut werden. Die kürzere Frequenz der Schwingungsimpulse bei kleinerer Amplitude er-
möglicht allen Patienten, schneller zum entspannten Sitz im labilen Gleich-
gewicht zu gelangen. Bei zunehmender Sicherheit beginnt das Becken in die rhythmische Vorwärtsbewegung einzuschwingen und die Lendenwirbel-
säule übernimmt die Rechts-Links-Bewegung unter leichter Rotation. Ist hier soviel Sicherheit erreicht, dass auf das Festhalten immer häufiger verzichtet werden kann; so bedeutet der Umstieg auf ein größeres Pferd einen sichtbaren Therapieerfolg.

Bei großen Erwachsenen und teilweise schwergewichtigen Patienten setzt man besser sofort ein größeres Pferd ein, sofern die übertragenen Schwingungsimpulse den Patienten nicht überfordern. Auf dem Reiterhof der Kinderhilfe haben wir hierbei gute Erfahrungen mit leichten Kaltblutpferden gemacht mit einem Stockmaß von maximal 1.50 Meter, die einerseits Gewichtsträger sind, andrerseits über hervorragende Schrittqualitäten verfügen. Der breitere Rücken mit der gut eingebetteten Wirbelsäule ist eine solide Basis für ein sicheres Sitzgefühl. Die größere Ruhe und Gelassenheit des Kaltblüters tun ein Übriges, um anfängliche Ängste abzubauen! Einschränkungen können sich allerdings durch eine zu geringe Abspreizfähigkeit des Hüftgelenks infolge mangelhafter Dehnfähigkeit der Hüft- und Oberschenkelmuskulatur ergeben. Ist die geringe Abspreizfähigkeit spastisch bedingt, so kann man durch den Übergang vom schmaleren zum breiteren Pferd, die Adduktoren ganz gezielt dehnen; ein Therapieerfolg, der sich allerdings oft erst nach Jahren geduldiger Arbeit einstellt!
Ein Warmblüter mit raumgreifendem Schritt kann gegebenenfalls die Bewegungstoleranz eines nur schwer gehfähigen oder gehunfähigen Patienten überfordern. In einem solchen Fall sollte man mit den rascheren Bewegungsimpulsen, die ein Kleinpferd überträgt, beginnen. Islandpferde, die über eine große Tragfähigkeit in Bezug auf ihre Körpergröße verfügen, sind hier die Pferde der Wahl, zumal wenn sie über die zusätzlichen Gangarten Paß und Tölt verfügen. Durch die raschen Schwingungsimpulse kommt der Patient schneller ins Gleichgewicht. Ein späteres Umsitzen auf ein größeres Pferd und das Finden der Balance bei dessen raumgreifenderen Bewegungen sind ein sichtbarer und motivierender Trainingserfolg.

Die dreidimensionalen Schwingungsimpulse des Pferderückens, vor allem aber ihr Verhältnis zueinander, sind dem Auge nur schwer erkennbar. Man kann zwar aus Gebäudemerkmalen wie z.B. der Fesselung, der Schulterstellung, der Rückenlänge und Rückenbeschaffenheit Rückschlüsse auf die Elastizität und eine damit einhergehende "weiche" Bewegung ziehen. Die Gewichtung der Schwingungsimpulse in den verschiedenen Ebenen zueinander kann nur erfühlt werden!

Dieses Zusammenspiel der drei Bewegungsebenen,

  • der Longitudinalen,
  • der Vertikalen und
  • der Horizontalen

bildet die jedem Pferd ureigene und individuelle Bewegungsqualität.

Dabei stellen wir fest, dass die Betonung der Longitudinalen bei bestimmten Pferden gerade zu Beginn der Therapie dem Patienten mehr Sicherheit vermittelt. Er fühlt sich durch das stärkere Vorwärts besser mitgenommen. Außerdem wird durch das Vor und Zurück die
Beckenbewegung und die Aufrichtung der Wirbelsäule stimuliert.

Liegt die Betonung der Pferdebewegung auf der horizontalen Ebene, wird der Wirbelsäule durch das vermehrte seitliche Absinken des Beckens mehr Rotation vermittelt. Die Hüftmuskulatur wird gedehnt. Das Bein auf der jeweils absinkenden Hüftseite wird deutlich länger. Der Patient beschreibt dieses Gefühl völlig zurecht als "wackeliger"!

Bei der vertikalen Bewegungsebene - dem Auf und Ab - bewirkt besonders die Erweiterung des Schrittmaßes eine vermehrte Aufrichtung und zwingt den Patienten unbewusst zur Bewegungskoordination der Hüft- und Oberschenkelmuskulatur. Am Scheitelpunkt der "Hub"- Amplitude spannt die Muskulatur maximal, um dann beim Absinken wieder zu entspannen. Und das, ohne die Grundspannung aufzugeben!
Bei hypotoner Muskulatur erreicht man einen Aufbau des Tonus, während es bei hypertoner Muskulatur zu Lockerung und Entspannung kommt. Das Training der vertikalen Ebene kann noch verstärkt werden durch das Anhalten und Wiederantreten lassen des Pferdes, das wir mit "stop and go" bezeichnen.
Auch der psychische Effekt ist bei der Hippotherapie von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wir bekommen sehr oft Patienten zur Hippotherapie zugewiesen, die noch nie Kontakt zu einem Pferd hatten.
Man kann sich unschwer vorstellen, dass die Angst vor dem großen Tier zu Beginn zu einer enormen Verunsicherung des Menschen mit Behinderung führt. Sie muss behutsam abgebaut werden, indem der Pferdeführer dem Menschen mit Behinderung erst das Pferd alleine in der Bahn präsentiert und zeigt, dass es bei allen verlangten Lektionen im vollen Gehorsam steht.
Interessanterweise haben Kinder grundsätzlich weniger Angst als erwachsene Patienten. Mit Sicherheit ist der Grund hierfür die größere Spontaneität und Unbekümmertheit, durch die sich auch Kinder mit Behinderung nicht von anderen unterscheiden. Erwachsene Patienten sind weniger risikobereit und lassen sich nur mit großem Vorbehalt auf das Abenteuer Pferd ein. Haben sie aber erst einmal Zutrauen gefasst und eine Beziehung zum Therapiepartner aufgebaut, so wird für solche Patienten die Hippotherapie unverzichtbar. Der emotionale Effekt ist in vielen Fällen auch ein Grund für die Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Therapieformen! Über das Pferd werden dem Patienten sowohl bei der Therapie in der Halle, als auch in geeignetem Gelände Räume erschlossen, die ihm meist auf eigenen Beinen unerreichbar sind.

zurück zur Übersicht