Die Ausbildung

Hat man ein Pferd gefunden, das den vorab besprochenen Kriterien weitestgehend entspricht, muss man seine ganze Sorgfalt auf die Ausbildung und Weiterbildung richten. Aus Gründen der Reife sollte das Pferd mindestens 5 - 6 Jahre alt sein und bereits eine reiterliche Grundausbildung im Rahmen der Kl. E mitbringen. Darauf lässt sich in relativ kurzer Zeit aufbauen, indem man in die tägliche Dressurarbeit die Gewöhnung an zusätzliche Situations- und Umwelteinflüsse einbaut. Hierzu gehört z.B. das willige Herantreten und geduldige Stehen an der Aufstiegsrampe wie auch das Auf- und Absitzen von Stühlen, Treppen oder von der Rampe mit Hilfe eines Liftes. Anfangs bedrohlich empfundene Rollstühle und Gehstützen müssen ebenso toleriert werden wie Bälle und Gymnastikstäbe. Das gelassene Reagieren auf fremde, das Tier ängstigende optische oder akustische Reize muss geübt und immer wieder überprüft werden, wobei die Belohnung, in welcher Form auch immer, die wichtigste Erziehungshilfe darstellt.

Frau Wanzek und Nele bei
der Ausbildung, Quelle: K.Boldt

Ungeschickte und unangenehme Einwirkungen eines Patienten mit spastisch klemmendem Schenkel sollten vor Einsatz des Pferdes in der Therapie erst einmal von einem geübten Reiter simuliert werden.
In diese Phase der Ausbildung gehört die Arbeit am Langzügel, die man über die Vorbereitung durch Longen und Doppellongenarbeit problem-
los entwickeln kann.

Der Langzügel, durch den das Pferd von hinten geführt wird, ist inzwischen unverzichtbarer Be-
standteil der Hippotherapie geworden. Er bietet den Vorteil, sowohl auf geraden als auch auf unterschiedlich gebogenen Linien arbeiten zu können. Auf diese Art können unterschiedliche Bahnfiguren wie Schlangenlinien, Volten und Wechsellinien in die therapeutische Behandlung einbezogen und für unter-
schiedliche Krankheitsbilder gezielt angewendet werden. Das geradege-
stellte und geradeaus gehende Pferd ermöglicht eine Verbesserung der Körpersymmetrie des Patienten, die durch die einseitige Belastung der inneren Seite auf der Zirkellinie nicht erreicht werden kann. Schrittvariationen, wie das Zulegen und wieder Einfangen, Vorwärt-
Seitwärtsbewegungen, Rückwärtsrichten und Vorhandwendung können zusätzlich über den Langzügel abgerufen und wirkungsvoll eingesetzt werden.

Überträgt man die Einwirkung auf das Pferd beim Reiten mit der Hilfen-
gebung bei der Arbeit mit dem Langzügel, so ist die Einwirkung über den Zügel unverändert. Die seitliche Einrahmung durch den Schenkel wird allerdings zusätzlich von den Leinen übernommen, während die treibende Hilfe von Gewicht und Schenkel von Stimme und Gerte ersetzt werden. Dabei darf die Gerte niemals strafend eingesetzt werden, da dies den Pferdeführer in erhebliche Gefahr bringen würde und vor allem das Ver-
trauen zwischen Pferd und Mensch beeinträchtigt. Das Pferd muss die Gertenhilfe kennen und angstfrei tolerieren sowohl im Einsatz als verwah-
rende als auch als seitwärtstreibende Hilfe bei Vorhandwendungen und beim Vorwärts-Seitwärts in der Bewegung. Die richtige Feinabstimmung von Zügel-, Stimm- und Gertenhilfe ist von ausschlaggebender Bedeutung für den Einsatz des Pferdes in der Hippotherapie.

Ann-Katrin im Lift,
Quelle: K.Boldt

Voraussetzung für diese Arbeit ist ein erfahrener Pferdeführer, der auch außerhalb der Therapie-
stunden bereit ist, mit dem Pferd zu arbeiten um es zu korrigieren und weiterzubilden. Zusätzlich sollte das Pferd auch immer unter dem Sattel gearbeitet werden, damit ein Ausgleich zur eher eintönigen Therapiearbeit geschaffen wird.

Man sollte nie vergessen, dass auch Pferde therapiemüde werden können und versuchen, sie durch unterschiedlichste Bewegungsange-
bote wie z.B. Springgymnastik oder Geländerei-
ten davor zu bewahren. Ein zufriedenes Pferd wird in einer kritischen Situation eher die Nerven behalten als ein unausgelastetes Tier, das unter einer unsachgemäßen Haltung - und dazu ge-
hört in erster Linie der Bewegungsmangel - leidet!

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