Gründung der Kinderhilfe e.V. durch Pfarrer Ernst Fritze


Wie alles begann

Das, was wir heute als den Reiterhof der Kinderhilfe kennen, ging aus einer größer angelegten Initiative hervor. Diese hatte es sich zum Ziel gesetzt, Familien, die Kinder mit Behinderungen hatten, umfassend zu unterstützen. Im Folgenden findet sich eine kurze Schilderung darüber, wie es zum heut-
igen Reiterhof der Kinderhilfe kam. Der Reiterhof hat sich dabei auf ein Therapieangebot, das der Verein der Kinderhilfe zur Verfügung stellte, spezialisiert. Mit Hilfe der folgenden Schilderung soll ein wenig aufgezeigt werden, welchem Geist unser heutiger Reiterhof entstammt.


Defizit

Zu Beginn der 1960er waren Angebote zur Unterstützung von Familien, die Kinder mit Behinderungen hatten, im Raum Ludwigshafen rar: Es fehlte an Therapieangeboten, Kindertagsstätten sowie Zentren, die eine koordinierte ärztliche Betreuung durch unterschiedliche Fachrichtungen anboten. Selbst Schulen, die sich um die Förderung von Kindern mit Behinderungen küm-
merten, gab es bis dahin in diesem Raum nicht. Ein Gesetz, das die Errich-
tung solcher Institutionen vorschrieb, wurde erst im August 1968 erlassen.


Arbeitskreis zur Förderung von Kindern mit körperlichen Behinderungen.

Aus dieser Not heraus wurde an Pfarrer Ernst Fritze aus Roxheim, der sich bereits für die Förderung geistig behinderter Kinder einsetzte, der Wunsch herangetragen, auch für Kinder mit körperlichen Behinderungen Fördermög-
lichkeiten einzurichten. So gründete er einen Arbeitskreis, der aus Pädago-
gen und Medizinern, aber auch betroffenen Eltern bestand. Dieser richtete nach einer Bedarfsermittlung an Land und Kommunen den Antrag auf die Errichtung eines Körperbehindertenzentrums.

Aus diesem Arbeitskreis geht 1969 der Verein der "Kinderhilfe in Rhein-
hessen und Vorderpfalz, eingetragener Verein zur Förderung körperbe-
hinderter Kinder und Jugendlicher" hervor, der von einem Schul- und Zweckverband getragen wurde.


Förderung

Da die Eröffnung eines Körperbehindertenzentrums erst gut zehn Jahre später – am 25. Mai 1979 – erfolgen sollte, wurden seit 1970 auf Initiative des Arbeitskreises hin provisorische Einrichtungen ins Leben gerufen.
Dazu zählten:

  • die Eröffnung einer provisorischen Schule für Kinder mit körperlichen Behinderungen
  • Eröffnung provisorischer Kindertagestätten

Zusätzlich wurde ein umfassendes Therapieprogramm angeboten. Dieses beinhaltete unter anderem Bobath-Krankengymnastik, Ergotherapie, Schwimmgruppen, Therapeutisches Reiten sowie eine ärztliche Betreuung durch die Kinderklinik St. Annastift. Ergänzt wurden diese Therapiemöglich-
keiten durch ein ambulantes Ärzteteam.


Integration

Gleichzeitig konnten gute Erfolge bei der Integration von Kindern mit körperlichen Behinderungen erzielt werden: Alle Einrichtungen – obwohl bislang einzigartig in der Region – wurden von der Bevölkerung gut ange-
nommen. So eröffnete auch am 1. September 1979 in Worms ein integra-
tiver Kindergarten, in dem Kinder sowohl mit als auch ohne körperliche Behinderungen betreut wurden.


Der Reiterhof der Kinderhilfe

Anfang 1970 legte Pfarrer Ernst Fritze – einst Initiator des Arbeitskreises, zusammen mit Frau Blaul auf dem ehemaligen Hofgut ihres Großvaters den Grundstein für den heutigen Reiterhof der Kinderhilfe. Erstmals in dieser Region wurden auf deren privaten Reitplatz Jugendliche mit Behinderungen zu therapeutischen Zwecken aufs Pferd gesetzt. Fortan geschah so eine systematische Fortführung und Erweiterung des Konzepts des Arbeits-
kreises, das die Förderung und Integration von Kindern mit körperlichen Behinderungen vorsah. Gleichzeitig wurden die Therapiemöglichkeiten ärztlich durch Dr. Leo Wanzek betreut sowie durch die wissenschaftlichen Arbeiten von Prof. Karte und Dr. Floehr begleitet.
1981 richtete der Reiterhof der Kinderhilfe den 1. Reitertag für Menschen mit Behinderung auf Bundesebene aus. Ebenfalls in den 1980er Jahren fanden auf dem Reiterhof Grundkurse für Ausbilder im Reiten für Menschen mit Behinderungen im Auftrag des Deutschen Kuratoriums statt. Ein neues Lehrgangskonzept wurde in Zusammenarbeit mit dem Behindertensport-
verband erarbeitet, auf dem die heutige Ausbildung aufbaut.

Seit 1994 ist der Reiterhof der Kinderhilfe eine vom Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten in Warendorf anerkannte Therapieeinrichtung für alle drei Bereiche des therapeutischen Reitens: Hippotherapie, heilpädagogisches Reiten und Voltigieren sowie Reiten als Sport für Men-
schen mit Behinderung werden von Pädagogen und Physiotherapeuten mit entsprechender Zusatzqualifikation sach- und fachgerecht durchgeführt.

Zur Zeit verfügt der Reiterhof über vier hauptamtliche Mitarbeiter, acht Teilzeit- und Honorarkräfte, der Bestand an Pferden ist von ursprünglich einem auf 20 angewachsen und pro Woche kommen ca. 60 Hippotherapie-
patienten, 140 Voltigierer und etwa 140 Reiter in integrativen Reitgruppen auf den Reiterhof.

Quelle:
Pfarrer Ernst Fritze (1996). "So fing es an". Unveröffentlichter Bericht für die Hofzeitung.


zurück