Pumuckl

 1983   2008

Der kleine Haflingerwallach war bis vor Kurzem unser ältestes Therapiepferd und der Halbbruder von Minette. Auch er erblickte auf dem Reiterhof das Licht der Welt. Aufgrund seiner zunehmenden gesundheitlichen Einschränkungen (Spat) wurde er nur noch bei einigen leichten Patienten in der Hippotherapie eingesetzt und genoss ansonsten sein Rentnerleben.



Klabauter durch und durch, auch ohne Schiffschaukel


Eines Nachts war es dann endlich soweit: ”Mariella“ sollte ihr erstes Fohlen bekommen. Nicht nur für ”Mariella“ war dies eine Premiere. Auch für die Kinderhilfe war es das erste Mal, dass ein Fohlen hier das Licht der Welt erblickte. In diesen Tagen des aufgeregten und ahnungslosen Wartens – niemand konnte genau sagen, was da auf einen zukommen sollte – konnte keiner so wirklich ruhig schlafen.

Alles verlief bilderbuchmäßig und schon in den ersten Stunden zeigte sich unser kleiner blonder Winzling als Komiker, der zu allerlei Späßen aufgelegt war. Die erste Nacht verbrachten Frau Wanzek und Frau Randenberg, warm gebettet auf ein paar Strohballen, im Stall um den Kleinen vorsorglich beobachten zu können.

Bald begann der Zwerg, Knöpfe von Jacken abzubeißen, alles anzuknabbern was sich nicht als niet- und nagelfest erwies und wurde bekannt dafür seine Umgebung in Chaos zu verwandeln, ...ein echter Pumuckl eben. So erhielt ”Pumuckl“ seinen Namen, der ihm bis zu seinem letzten Tage alle Ehre machte.


Meine erste Begegnung mit dem kleinen toastbrotfarbenen Haflinger war ein recht feuchtes Erlebnis. Ich war mit meiner Mutter auf dem Weg zu meiner w&oum;chentlichen Therapiestunde, die ich meist auf ”Mariella“ absolvierte. Da wir etwas zu früh waren, machte meine Mutter mit mir einen Rundgang durch die Ställe.
Völlig fassungslos stand ich vor dem Stall, in dem ”Mariella“ und ihr neugeborener Sohn standen. Das gerade mal drei Tage alte Fohlen mit den lustigen hin und her springenden Löckchen am Mähnenkamm reckte seinen Kopf neugierig ¨ber die viel zu hohe Stallt¨re. Ich hatte gerade einen Schokoriegel verdr¨ckt und war bis zu den Ohren mit Schokolade verschmiert, juchzte vor Freude und wollte dem kleinen Mann, der genauso groß war wir ich, ”Hallo“ sagen. ”Pumuckl“ jedoch hatte mal wieder – wie kann es für einen ”Pumuckl“ auch anders sein - nur Schabernack im Sinn.
Blitzschnell schleckte er mir mit seinem kleinen Zünglein quer übers Gesicht um auch noch etwas von der Süße abzubekommen, deren Geruch seine Nüstern hoch kroch.
Sichtlich geschockt von diesem nassen Ülberfall trat ich einen Schritt zurück und sah abwechselnd meine Mutter und den kleinen Racker an, der sich noch mal genüsslich das Maul leckte. Seit diesem Tage, war ich ”Pumuckl“ Fan.

Die Jahre gingen ins Land. Ich wurde immer größer und ”Pumuckl“ immer frecher. Im Alter von zehn Jahren begann ich dann mit den langersehnten Reitstunden. Kurz danach fragte mich Frau Grote – damals noch Frau Stoltz – ob ich nicht vielleicht den ”Pumuckl“ als Pflegepferd haben möchte. Kurz umriss sie mir was meine Aufgaben beim allsonntäglichen Pflegertag sein würden.
Seit diesem Zeitpunkt teilte ich mir den kleinen Klabautermann mit Annette, denn auch sie hatte ihren Narren an dem kleinen Kerl gefressen. ”Pumuckl“ war ein treuer Begleiter in guten und auch schlechten Zeiten. Oftmals waren wir alleine oder auch mit den anderen stundenlang spazieren auf den Feldern Richtung Maxdorf und ließen die Seele baumeln.

Sonntags, wenn sich alle Pflegemädchen auf dem Hof versammelten um sich um ihre Pferde zu kümmern, wurde der Hof zum reinsten Abenteuerspielplatz.
Es wurden Marathon-Gras-Orgien gemacht, bei denen wir auf unseren Pferden saßen und uns vorstellten, wir wären Cowboys und würden Kühe durch die Prärie jagen. Das Eck hinter dem Longierzirkel, am Fuße des Reitplatzes, auf dem früher das alte Gartenhäuschen von Familie Wanzek stand war wie geschaffen dafür.

Manchmal war uns aber auch einfach nur danach, mit Halfter und Strick durch die Reithalle um die Wette über Stangen, zwischen Hütchen oder auch über die Wippe zu reiten.

Dann gab‘s noch die Tage – von denen gab es sehr viele – da verfielen wir alle in den totalen Putzwahn. Vor allem im Sommer war das ein Heidenspaß, da waren wir Pflegemädels meistens nässer als die Pferde.

Und ”Pumuckl“ war natürlich immer mit von der Partie.

Der Spaß hatte sein Ende, wenn es um die Reitstunden ging. Der kleine Schlawiner wusste genau wann es an der Zeit war, Reitschülerchen zu verunsichern und sie an der Nase herum zu führen. Vorwiegend die Anfänger hatten mit seinen spontanen Bremsattacken mächtig zu kämpfen.
Kaum hatte ”Pumuckl“ das Gefühl die Täte zu bilden, zog er aus heiterem Himmel die Bremse an. Meist völlig überfordert von der unerwarteten Situation riss es die nichts ahnenden Reitschüler zuerst einmal aus dem Sattel nach vorne. Damit nicht genug. Als nächstes legte ”Pumuckl“ den Rückwärtsgang ein und hielt somit den gesamten Verkehr auf. Nach einigen Sekunden des Erholens wurden sich die Reitschüler ihrer misslichen Lage bewusst und wiesen ”Pumuckl“ in die Schranken. Fragt nicht wie oft mir das passiert ist.
Genauso wie unfreiwilliges Absteigen und unvorhergesehenes Verweigern in den Springstunden gehörte das zu den allwöchentlichen ”Pumuckl“-Abenteuern.

Apropos unfreiwilliges Absteigen.
Da muss ich doch gleich an den Reitertag im Reitverein Oggersheim denken, zu dem wir wie fast jedes Jahr geladen waren. ”Pumuckl“ und ich waren natürlich auch dabei.
Von den Springstunden nicht schockiert genug, wollte ich unbedingt mit ihm beim Springreiterwettbewerb mitmachen.
Wir ritten beide ein, grüßten und legten los. Über den ersten Sprung kamen wir noch. Beim Zweiten verweigerte ”Pu“ zwei Mal und vor dem dritten Sprung zum dritten Mal. Das lustige an der ganzen Geschichte war, dass sich die gesamte Kinderhilfe neben dem Springplatz zusammengerottet hatte und mich bei jedem Anreitversuch, so seltsam er auch ausgesehen haben mag, lautstark mit Zurufen unterstützte. Leider half das alles nichts, nach dem dritten Mal Verweigern waren wir draußen.
Mein Vater, der neben dem Richterturm stand um Fotos von mir und meinem Feger zu machen, hörte wie sich die Richter an dem niedlichen Schauspiel erfreuten.
Von diesem Zeitpunkt an war ”Pumuckl“ in aller Munde und heiß und innig geliebt. Die folgenden Jahre, die wir an diesem Turnier teilnahmen, wurden wir immer wieder gefragt, ob wir denn auch den ”Pumuckl “ dabei hätten.

Auch mein Vater hatte den Haflingerwallach irgendwann ins Herz geschlossen, weil er auf eine sehr sympathische und recht liebenswert tollpatschige Art und Weise meist gegensätzlich zu allen anderen Pferden agierte und reagierte.


”Pumuckl“ war trotz seiner verspielten Ader nie das Kuschel- und Schmusepony aus dem Kinderbuch. Dennoch war er der treueste Freund und Zuhörer, den ich kannte.

Der Hafi war ein richtiger Allrounder. Auch im Zweispänner bewies er sein Können. Solche Kutschausfl¨ge verliefen jedoch nicht immer friedlich, denn einmal ”Pumuckl“, immer ”Pumuckl “.
Eines schönen Sonntag Mittags wollte Frau Wanzek mal wieder eine &Uml;bungsfahrt mit ”Pumuckl“ und ”Narziß“, einem anderen ehemaligen Haflingerwallach machen. Wirklich weit kamen wir dabei nicht. Gerade mal bis zur Feldwegkreuzung hinter den ehemaligen Hornbach-/Lafiora-Gebäuden. Dort zeigte sich ”Pumuckl “ mal wieder von seiner besten Seite. Er schmiss sich mit seinen gesamten schätzungsweise 350kg auf die zierliche Holzdeichsel. Die brach schneller als wir überhaupt hätten reagieren können. Da standen wir nun mit einer gebrochenen Deichsel. Uns blieb nichts anderes übrig als die Haflinger auszuspannen und Heim zu führen.

”Pumuckl“ war immer für alles Unerwartete gut und ich denke so behalten wir alle den kleinen liebenswerten Komiker aus Box Nr. 6 in Erinnerung.

Sabine Kind
(Artikel aus der Hofzeitung 2008)


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