Rheinpfalz, 10. Dezember 2011

Therapeuten auf vier Hufen


Reiterhof der Kinderhilfe hat zwei neue Pferde - Ausgeglichene Tiere mit Nerven wie Drahtseile

Von Rebekka Sambale

Zum Reiterhof der Kinderhilfe kommen Schlaganfall-Patienten, autistische Kinder und Rollstuhlfahrer. Alle haben zwei Sachen gemeinsam: die Liebe zum Pferd und den medizinischen Erfolg, den die Reittherapie bringt. Professionelle Physiotherapeuten und Reitlehrer betreuen die Patienten bei ihren wöchentlichen Stunden. Ein Besuch auf dem integrativen Reiterhof in Oggersheim.

Laika und Aurin arbeiten erst seit einem Jahr in ihrem neuen Job, aber beide haben jetzt schon eine im wahrsten Sinne des Wortes „tragende Aufgabe“. Ihre Chefin nennt sie „Co-Therapeuten“, und ohne die läuft auf dem Reiterhof der Kinderhilfe in Oggersheim gar nichts. Für ihre Patienten, die zwischen drei und 70 Jahre alt sind, tun die beiden alles. Laika ist eine Stute, Aurin ein Wallach. Beide Pferde konnten mit finanzieller Unterstützung der BASF gekauft werden und sind die neuesten Zugänge im 17-köpfigen Therapiepferde-Team.

Neuzugänge im Team der tierischen The-
rapeuten: Laika (rechts) mit Pferde-
pflegerin Jutta Engel, Niklas Heringer führt Aurin. FOTO: Kunz-Hartmann

„Es ist ein Gesamtpaket”, antwortet Hofleiterin Christine Wanzek-Heringer auf die Frage, was ein geeignetes Therapiepferd ausmacht. Neben guter Gesundheit und einem ausgeglichenen Charakter zähle vor allem, dass sie „Nerven wie Drahtseile haben“. Denn laute Kindergruppen und Patienten, die mit Hilfe technischen Geräts auf das Tier gehoben werden, gehören zum Alltag. überhaupt sind die Besucher des Hofes sehr unterschiedlich. Jeder hat seine eigene Geschichte und setzt viel Hoffnung in die Therapie mit den Tieren. Viele der Kinder beim heilpädagogischen Voltigieren leiden unter ADHS, sind verhaltensauffällig oder haben eine Lernbehinderung, berichtet Wanzek-Heringer. Durch den Umgang mit dem Pferd und anderen Kindern in der Gruppe lernen die jungen Patienten etwas über Sozialverhalten. „Man ist aufeinander angewiesen”, sagt die Hofleiterin, während in der Reithalle die Stute Rapunzel ihre Runden läuft.

Die beiden Kinder auf dem Pferderücken machen bemerkenswerte übungen. Sie strecken sich, legen sich nach hinten - und das alles während Rapunzel in Bewegung ist. Wenn sie nicht gerade konzentriert schauen, dann ist ein Lächeln auf den Kindergesichtern zu sehen. Währenddessen erklärt die Hofleiterin, dass ein Voltigierpferd nicht kitzelig sein darf. Pferde für schwere Menschen müssen kräftig sein, Pferde für schüchterne Kinder klein, und Pferde für verhaltensauffällige Patienten dürfen auch mal ihren Willen zeigen. „Jedes Tier hat seinen Charakter. Das ist wie beim Menschen auch”, betont Wanzek-Heringer.

Zur Sache

Der Reiherhof
Der integrative Reiterhof der Kinderhilfe wurde 1969 gegründet. Nachdem die ersten Therapiestunden zunächst auf Privatpferden stattfanden, schenkte das Sozialamt Ludwigshafen dem Verein im Jahr 1975 das erste eigene Therapiepferd. Seit dem wurde das Behandlungsprogramm ständig erweitert. Die Anzahl der Mitarbeiter und der Pferde stieg stetig. Heute steht das Angebot des Reiterhofs auf drei großen Säulen: Hippotherapie (krankengymnasitsche Behandlung auf dem Pferd), heilpädagogisches Voltigieren und Reiten als Sport für Behinderte. Internet-Infos zum Angebot und zum Verein unter: www.reiterhof-kinderhilfe.de (rxs)


Daher stehen in den Ställen des Reiterhofs 17 verschiedene Typen. Zum Beispiel der 21-jährige intelligente Romeo. „Er kann alles außer lesen und schreiben”, sagt die Hofleiterin und grinst. Sogar Pferdefußball spielt er mit dem überdimensionierten, orangefarbenen Ball. Was lustig aussieht, ist für das Pferd ein wichtiger Ausgleich. “Man darf die Arbeit der Pferde nicht unterschätzen.“ Montags morgens um 8 Uhr geht es los auf dem Hof, am Samstagnachmittag kommen die letzten Patienten der Woche. Mehr als zwei Stunden Therapie pro Tag wären zu viel für die Vierbeiner. Zur Entspannung gibt es tägliche Ausritte und das Spielen mit Artgenossen auf der Koppel.

Auf dem Hof ist immer was los. Im Reiterstübchen sitzen Patienten und unterhalten sich, im Stall wird geputzt und in der Halle geritten. Die Hofhunde Fox und Krümel wuseln Wanzek-Heringer und ihrem Mann Thomas Heringer zwischen den Beinen herum. Das Ehepaar erzählt, was zu der Arbeit auf dem Hof motiviert. Immer wieder fallen ihnen persönliche Geschichten ein. Zum Beispiel von der MS-Patientin, für die das Ausreiten einmal pro Woche das Größte ist. “Für sie ist es schlimm, wenn es regnet und sie in der Halle bleiben muss.“ Oder die Rollstuhlfahrerin, die mit dem Lift auf das Pferd gehoben wird. Wenn sie oben sitzt, strahlt sie über beide Ohren. Das ist das Schöne am Beruf von Laika und Aurin. Noch werden die vierbeinigen Neuzugänge ausgebildet. Aber auch auf ihrem Rücken strahlen schon die ersten Patienten.
Nils fragt

Termin:
Weihnachtsfeier auf dem Reiterhof in der Spreeallee 3 (Oggersheimer Gewerbegebiet Westlich B9) am Sonntag. Ponyreiten ab 16 Uhr, Voltigier-Vorführungen ab 17 Uhr.


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